Der Baumeister als Esoteriker
Etwas merkwürdiges passiert in diesem Land. Während breite Teile der heimischen Wirtschaft unter den Auswirkungen der größten Wirtschaftskrise seit dem WK2 ächzen, hört man aus dem Bausektor allerorts von ausgezeichneter Auslastung und vollen Auftragsbüchern. In den letzten acht Monaten habe ich kein Unternehmen über schlechte Geschäfte klagen hören. Das merkwürdige an dieser wahrgenommenen Konjunktur ist nur, dass sie in keinster Weise mit der realen, der gemessenen Konjunktur zusammen passt.
Statistik Austria erhebt monatlich Umsatz und Auftrageingang bei allen Unternehmen mit mehr als einer Million Jahresumsatz. Trotz Kleinstrukturiertheit des Bausektors sind die Erhebungsergebnisse hoch repräsentativ. Und demnach liegt der Umsatz insgesamt von Jänner bis Mai um real fast sieben Prozent hinter Vorjahr. Der Hochbau schrumpft um -4% gegenüber Vorjahr, der Tiefbau um -13%, alle anderen Bauhandwerke im Durchschnitt um -2%. Eigentlich gibt es nur bei Bautischlern/-schlossern und Fußbodenlegern ein Plus. Alle anderen Gewerke liegen zum Teil tief in den roten Zahlen. Allen voran Zimmerer und Dachdecker mit -17% und der Trockenbau mit -11% geg VJ. Noch trister ist die Lage wenn man sich die Auftrageingänge ansieht: Elektroinstallationen -22%, Maler & Glaserei -12%, Abbrüche und Baustellenvorbereitungen -21% geg. VJ.
Vergleicht man also das Gesamtbild mit demStimmungsbildern, so tut sich doch eine erhebliche Lücke auf. Wie kann das sein? Misst da Statistik Austria an der Realität vorbei oder tut sich die stark durch Familienbetriebe geprägte Baubranche schwer, ehrlich über die eigene Lage zu reden? Möglicherweise auch deshalb, weil Eigentümer im Gegensatz zu so manchen Manager Umsatzverlust als persönliches Scheitern empfinden. Kein Zweifel, es wird eine Reihe von Unternehmen geben, die dem Markttrend trotzen. Und ich bin auch überzeugt, dass mich kein Gesprächspartner wissentlich angelogen hat. Aber dass es nur Gewinner gibt, ist schwer zu glauben. Hat schon jemand mal daran gedacht, dass für die exportorientierte Industrie deshalb so schwere Unterstützungspakte geschnürt wurden, weil sie sich aufs Wehklagen einfach besser versteht als das Bau- und Baunebengewerbe? Offensichtlich glaubt die sonst mit beiden Beinen fest am Boden stehende Branche all zu fest an Selbsterfüllende Prophezeiungen. Nur ehrlich gesagt, so was mag sich gut im Reich der Esoterik anfühlen, hat aber nichts im realen Wirtschaftsleben verloren.