14.12.2009 12:18
Bauguide Mittel- und Osteuropa 2010
Emerging Markets: Zeit für eine Shopping-Tour?
In nicht wenigen Ländern Ost- und Südosteuropas bewegen sich die Bauwirtschaft und die Baustoffindustrie mehr oder weniger im Blindflug. Valide, zeitnahe Marktdaten zur Geschäftsausrichtung sind in der Ukraine, in Weißrussland und Rumänien, genauso wenig in Moldawien, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien verfügbar.
Ilir Vangjeli, Handelsdelegierter für Albanien: "Albanische Baufirmen wünschen sich immer wieder österreischische Partner."
Gregor Postl, Handelsdelegierter für die Ukraine: "Am stärksten spüren die ehemaligen Spitzensektoren Bau und Finanz die Krise. Die meisten größeren Bauprojekte sind derzeit gestoppt und 21 Banken wurden unter die Kontrolle der Nationalbank gestellt."
Rudolf Lukavsky, Handelsdelegierter für Rumänien: "Für 2010 ist von einer Erholung der Bauwirtschaft in Rumänien auszugehen."
Web-Links
Wohl kein verantwortungsvoller Unternehmer oder Manager wird die strategische Ausrichtung eines Unternehmens alleine auf Intuition aufbauen. Als Entscheidungsbasis zieht man auch vailde Daten zur Entwicklung der Nachfrage, der Preise und der Marktanteile heran. Selbst für die Ausrichtung des Tagesgeschäftes sind Zahlen, Daten und Fakten unerlässlich. Nur selten können diese Daten aber ausschließlich im eigenen Unternehmen generiert werden.
Zu groß ist die Gefahr von Interessensgebundenheit und einer unvollständigen Marktsicht. Die meisten Unternehmen greifen daher auf externe Informationen zurück. Für den Bausektor gibt es gewöhnlich schon in der öffentlichen Statistik aufschlussreiche Informationen, wie Baubewilligungen und Bauproduktionswerte. Ergänzt man diese Daten mit zugekauften Studien von Marktforschungsunternehmen, erhält man in der Regel ein recht taugliches Bild der Wirklichkeit, auf das sich die Geschäftsausrichtung aufbauen lässt.
Statistik woher?
In Ländern wie etwa der Ukraine, Moldawien, Weißrussland, Albanien, Bosnien-Herzegowina oder Mazedonien ist die einschlägige Datenlage für die Bauwirtschaft und die Baustoffindustrie aber traditionell unbefriedigend. Die öffentliche Statistik ist entweder sehr grob oder ungenau. So gibt es zwar die klassischen, volkswirtschaftlichen Kennzahlen wie BIP-Wachstum, Arbeitslosenquote, Inflation und so weiter. Für den Bausektor ist die „Datensuppe“ aber weitaus dünner. So fehlt vielerorts eine Konjunkturerhebung nach Gewerken. In der Produktionsstatistik und im Außenhandel werden nur Aggregate veröffentlicht, sodass keine Aussagen zu einzelnen Baustoffgruppen möglich sind.
Durch die automatisierte Anbieterstruktur und den hohen Anteil der Schattenwirtschaft kapituliert man auch bei selbst-initiierten Primärhebungen, wie etwa Industrie-Melde-Runden. Verfügbar sind in der Regel nur Bewilligungszahlen für den Wohnbau und ein Index zur Hoch- und Tiefbau-Entwicklung. Doch Achtung: Bewilligungszahlen sagen in diesen Ländern wenig über die tatsächlichen Baubeginne aus. In einer Grundlagenstudie aus dem Jahr 2007 weisen KREUTZER FISCHER & PARTNER | Marktanalyse nach, dass in einzelnen Ländern bis zur Hälfte aller bewilligten Bauvorhaben niemals realisiert werden. Wozu dann eine Statistik?
Blinde Flecken der Martkforschung
Sehr oft fehlt es auch an zeitnahen Daten. So sind mitunter wichtige Indikatoren aktuell erst für das Jahr 2007 verfügbar. Also für die Zeit weit vor der Krise. Doch auch falls Zahlen für 2008 veröffentlicht werden, bleibt vieles Spekulation. Denn die Wirtschaftskrise traf Ost- und Südosteuropa später als den Westen. So erwarteten die renommierten Wirtschaftsforscher vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) in ihrer Herbstprognose für 2009 im CEE-Raum noch ein Wachstum von durchschnittlich drei Prozent. Und das Industriemagazin titelte in seiner Dezember-Ausgabe 2008 „Rettet uns Osteuropa?“. Die großen Verwerfungen in der Ost- und Südosteuropäischen Wirtschaft sind demnach in den vorliegenden Daten noch nicht abgebildet.
Unterjähriges Datenmaterial ist entweder nicht vorhanden oder wenig glaubwürdig. Infolge blüht die Spekulation. Die Schätzungen über die tatsächliche Misere in der Bauwirtschaft weichen daher enorm voneinander ab. So liegen etwa die Schätzungen über den Rückgang der Wohnbauproduktion 2009 in der Ukraine zwischen -12% und -35% gegenüber dem Vorjahr. In Albanien schwanken die Angaben je nach Quelle zwischen +16% und -4%. Moldawien meldet offiziell ein Wachstum, was aber angesichts der angespannten Wirtschaftslage wenig glaubwürdig erscheint. In jedem Fall sind die Entscheidungsgrundlagen unzureichend, die Lage weitgehend intransparent und der Markt aufnahmefähig für gezielte Gerüchte. Und es ist nicht auszuschließen, dass die eine oder andere geschätzte Horrorzahl gezielt lanciert wird, um die eigene negative Entwicklung vor Ort zu relativieren.
Märkte für Macher
Solange die Nachfrage steigt, ist eine ungenügende Datenlage kein Problem. Denn wen schert es, woher die Erlöse kommen? Hauptsache das Geschäft floriert. Und wer fertigt für Emerging Marktes schon komplexe Businesspläne? Vielerorts sind Netzwerke wichtiger als langfristige Strategien. Verkauft wird, was der Markt verlangt, wo und an wen auch immer.
Es sind Märkte für Macher, nicht für Controller. Nur wenn der Absatz einbricht, besteht Erklärungsbedarf und man sucht Auswege aus dem Dilemma. Aus validen Daten können jedenfalls keine Handlungsanweisungen abgeleitet werden. Es gilt vorerst einmal durchzutauchen. Denn wir wissen längstens seit Udo Jürgens: Immer, immer wieder geht die Sonne auf.







