11.09.2009 17:46

Energie & Technik

Auf in die Zukunft!

Im Bauwesen stehen Technik und ambitionierte Firmen für den Klimaschutz bereit. Die Politik ist jedoch weit davon entfernt, ihre Klimaschutzversprechen einzuhalten.

Die Welt sieht sich heute mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert, dem Klimawandel und der ständig steigenden Nachfrage nach Energie.“ Das sagt Sultan Ahmed Al Jaber und möchte der Welt vor Augen führen, wie sich diese Probleme in der Praxis lösen lassen. Von der Zeitschrift Arabian Business auf Platz 14 der einflussreichsten arabischen Geschäftsleute gereiht, ist Al Jaber als CEO der Masdar Initiative derzeit wohl weltweit die unumstrittene Nummer eins bei der Umsetzung des Klimaschutzes in gebaute Realität.

Musterstadt in der Wüste.

Seit Februar 2008 wird im Emirat Abu Dhabi umgesetzt, wovon in der restlichen Welt bislang bestenfalls geträumt wird – die erste CO2-freie Stadt, Masdar. Dabei wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Bis 2015 soll die Stadt für knapp 50.000 Bewohner sowie rund 1500 Firmen und Institute aus dem Ökologiebereich fertig sein. Die Pläne stammen von Architekt Norman Foster und seinem Team. Ebenso sind zahlreiche internationale Energiekonzerne in das Projekt involviert. In Deutschland wurden zwei Photovoltaik-Produktionsstätten gegründet, um das Milliardenprojekt in der Wüste mit Sonnenstrom zu beliefern. Die gesamte Energie soll aus erneuerbaren Quellen bezogen werden. Mehr noch, das Trinkwasser wird mit solar betriebenen Entsalzungsanlagen gewonnen und der Abfall recycelt. In Masdar wird es keine Autos geben, sondern ein neuartiges öffentliches Transportsystem.

Während die Einen überlegen, wie sie den Nachhaltigkeitsgedanken auf die Spitze treiben können, stecken die Anderen den Kopf in den Sand und fragen: Wozu all der Aufwand wegen ein bisschen Klimaerwärmung? Weil es inzwischen um das Überleben der Menschheit geht und wir nicht mehr viel Zeit haben. So drastisch hat das Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb in einem ORF-Hörfunk-Interview formuliert. Das halten manch andere Klimatologen für überzogen. Doch kaum ein Experte bezweifelt heute noch den Temperaturanstieg mit den unmittelbaren Folgen wie Meeresspiegelanstieg und Gletscherschwund.

„Je früher man mit Einsparungen bei den Treibhausgasen beginnt, umso besser ist es“, erklärt Ingeborg Auer von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. „Denn es handelt sich um ein träges System. Wenn wir jetzt die Emissionen verringern, wird es bis 2050 keinen großen Unterschied machen – aber für die Zeit danach sehr wohl.“ Eine Häufung von Extremwetterlagen infolge des Klimawandels sei dagegen nicht gesichert, aber möglich.

Für die Versicherung Münchner Rück ist dagegen klar, dass nicht nur die Schadenssummen zunehmen, sondern auch die Anzahl der Naturkatastrophen. Von 1950 bis Mitte der 80er-Jahre registrierte der Rückversicherer weltweit jährlich zwei, drei große Wetterkatastrophen, also Stürme, Überschwemmungen und Muren, Dürren und Waldbrände. Heute rechnet man im Schnitt mit sechs großen Wetterkatastrophen pro Jahr. 1993 kam es sogar zu 14 solcher Ereignisse. Vorstandmitglied Torsten Jeworrek fordert daher von der Politik eine mindestens fünfzigprozentige Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2050: „Bei zu langem Zögern wird es für künftige Generationen sehr teuer.“

Versprechen nie gehalten

Klimaschutz ist wie kaum ein anderes Thema eine Querschnittsmaterie, die alle Bereiche der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft berührt. Wenn man die Sache ernst nimmt. Seit Marlies Flemming versprechen Österreichs Umweltminister, die Alpenrepublik zu einem Vorreiter in Sachen Klimaschutz zu machen. In der Realität aber hat sich das Land jedes Jahr weiter von den Zielen entfernt, sofern nicht ein milder Winter die Klimabilanz geschönt hat. Der Verkündung ambitionierter Ziele folgt bis heute Halbherzigkeit in der Umsetzung. Auer: „Was mir schon sauer aufstößt ist, dass zuerst gegen das Fliegen gewettert wird. Aber kaum fliegen die Leute weniger, wird das als größte Katastrophe dargestellt. Dasselbe gilt für den Autoverkehr.“

Im Bauwesen zeigt sich dasselbe widersprüchliche Bild in Sachen Klimaschutz. Kürzlich wurde in Wien Österreichs 5000. Passivhaus eingeweiht. An Beispielen, wie sich der Energieaufwand in Gebäuden aller Art minimieren lässt, mangelt es längst nicht mehr. Auf der anderen Seite müssten die Bauordnungen verschärft werden, um auch im nicht geförderten Bereich den Klimaschutzzielen näher zu kommen. Das kritisierte der Rechnungshof in seiner Überprüfung der Klimastrategie der Bundesregierung. In Vorarlberg und dem Burgenland ist nun auch in den Bauordnungen der Zug in Richtung Niedrigenergiehausstandard abgefahren. Die übrigen Bundesländer konnten sich zu diesem Schritt noch nicht durchringen.

Besonders absurd stellt sich die Situation bei der Ökostromförderung dar. Umweltminister Nikolaus Berlakovic träumt von Energieautarkie, doch die Sozialpartner stellen jeden zusätzlichen Cent Ökostromzuschlag als Alptraum für die Industrie und die Haushaltsstromkunden dar. Und so wird Ökostrom gefördert, aber nur ein bisschen. Zwischen 2003 und 2006 wurden pro Jahr durchschnittlich 210 Megawatt Windkraft installiert. Dann drehte man den Förderhahn zu. Im Vorjahr konnten nur mehr sieben Anlagen mit insgesamt 14 Megawatt installiert werden. Und rund um die begehrten Ökostrom-Einspeisetarife für Photovoltaik-Anlagen - KLI.EN-Fonds - wird ein inzwischen schon traditionelles Wettrennen veranstaltet. Wer nicht binnen weniger Stunden nach Ausschreibungsbeginn seinen Förderantrag eingereicht hat, schaut durch die Finger. Heuer war der Ansturm so groß, dass sogar der Server zusammenbrach. Viele Interessen gelangten nicht einmal bis zu den Antragsformularen.

Völlig richtig wurde in der Klimastrategie 2002 erkannt, dass im Bereich der thermischen Gebäudesanierung die größten Potenziale zur Treibhausgasreduktion liegen. Drei Prozent jährliche Sanierungsquote wurden als hehres Ziel genannt, doch die geeigneten Rahmenbedingungen dafür nie geschaffen. Bis heute liegt die Sanierungsquote bei rund einem Prozent des Gebäudebestands. Und auch da wird längst nicht bei jeder Sanierung auf die Energieeffizienz geachtet.

Nebenwirkungen erwünscht

Es kam nicht von ungefähr, wenn sich der Fachverband für Stein- und Keramische Industrie, die Bundesinnung Bau, die Gewerkschaft Bau-Holz und die Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 zusammentaten, um von der Regierung eine Sanierungsmilliarde zu fordern. Denn mit thermischen Sanierungen lassen sich nicht nur ökologische Effekte erzielen. Die Liste der erwünschten Nebenwirkungen ist lang: Konjunkturbelebung, Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen in zukunftsträchtigen Branchen, Steigerung von Immobilienwerten und Wohnkomfort, Reduktion der Abhängigkeit von Energieimporten und damit positive Auswirkungen auf Handelsbilanz sowie Stärkung der Kaufkraft.

Unternehmen, die sich bereits jetzt einen Namen im Bereich des energieeffizienten Bauens gemacht haben, spüren die Wirtschaftskrise deutlich weniger. Denn wenn gespart werden muss, wird auch das Energiesparen für Bauherren interessanter. 100 Millionen Euro Sanierungsförderung hatte die Bundesregierung für 2009 und 2010 zur Verfügung gestellt, je zur Hälfte für Betriebe und private Haushalte. Nach zwei Monaten waren die Mittel für die private Wohnhaussanierung bereits völlig ausgeschöpft.

Was der Bau können muss

Was aber bedeutet Klimaschutz bei einem konkreten Bauvorhaben im Detail? Das zentrale Anliegen ist die Energieeffizienz: ein möglichst kompakter Baukörper, eine lückenlosen Dämmung in wärmebrückenfreier und winddichter Ausführung, Wärmeschutzverglasungen und gut gedämmte Fenster- und Türrahmen. Die Qualitätskontrolle mit BlowerDoor-Test gehört zum Standard bei jedem energieeffizienten Gebäude.

Der zweite wichtige Aspekt ist die Wahl des Energieträgers und der passenden Haustechnik. Die Sonne bietet sich zur passiven Wärmenutzung, als Warmwasserspender und zur Heizungsunterstützung an – sofern das Gebäude südseitig nicht verschattet ist. Fernwärmeanschluss, Biomasse-Heizung, Wärmepumpen können ebenfalls einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz liefern. Eine kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung erhöht die Energieeffizienz weiter und verhindert die Bildung von Schimmel in gut abgedichteten Gebäuden. Für optimale Energieeffizienz ist eine enge Kooperation zwischen Gebäude- und Haustechnikplanung nötig.

Für den Energieverbrauch ebenso entscheidend ist das Sommerverhalten des Gebäudes. Im Idealfall reicht eine außen liegende Abschattung, damit das Gebäude nicht überhitzt. Wo dies nicht gelingt, zum Beispiel in Bürogebäuden mit sehr hohen internen Wärmelasten, bietet sich die Bauteilaktivierung an, die oft mit kühlendem Grundwasser gespeist wird. Auch Solarwärme lässt sich für Kühlzwecke verwenden. Wo immer möglich, sollte jedenfalls auf den Einbau herkömmlicher Klimaanlagen mit Kompressionskältemaschinen verzichtet werden.

Graue Energie berücksichtigen

Ein ebenfalls nicht unerheblicher Teil der Energiebilanz eines Gebäudes ergibt sich aus dem Energieaufwand für seine Errichtung und für die Produktion der Baustoffe. Nachwachsende Rohstoffe sind diesbezüglich sicher eine gute Wahl. Zumindest, wenn sie nicht um den halben den Globus transportiert werden oder gar aus Raubbau stammen. Die Zement- und Stahl- und Ziegelproduktion benötigt vergleichsweise sehr viel Energie. Trotzdem kann eine Stahlbetondecke oder eine Ziegelwand auch im ökologisch orientierten Bau gut ins Konzept passen – zum Beispiel als Speichermasse. Wer den Klimaschutz auch bei der Baustoffwahl ernst nimmt, sollte jedenfalls verschiedene Konstruktionsvarianten durchrechnen. Der Passivhaus-Bauteilkatalog des IBO liefert das dazu nötige Datenmaterial.

Mit einer Photovoltaikanlage lässt sich schließlich auch der Strombedarf von Wohngebäuden abdecken. Wird auf Strom sparende Haushaltsgeräte geachtet, kann ein Wohnhaus mehr Energie produzieren, als in ihm verbraucht wird. Das Plusenergiehaus ist machbar, wie eine Handvoll österreichischer Bauherrn bereits bewiesen haben.

Eine Grundvoraussetzung für klimagerechtes Bauen stellt der freilich der richtige Standort dar. Hier sind vor allem Raumordnung und Flächenwidmung – also die Länder, Städte und Gemeinden – gefordert, der Zersiedelung entgegenzuwirken. Werden Wohnhausanlagen oder Betriebe fernab von Ortszentren, Bahn und Bus errichtet, erzeugt das zusätzlichen Individualverkehr. Und der produziert mitunter täglich ein Vielfaches der Emissionen eines nigelnagelneuen Gebäudes. (Robert Koch)

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