26.11.2009 17:26
Reportage
Die Feuertester
In Linz ist Österreichs größte Institution beheimatet, die Baustoffe und Bauteile kontrolliert zum Brennen bringt. Ein Besuch in den Werkshallen der Brandexperten, wo Normen nicht nur exerziert sondern auch entwickelt werden.
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Die Schiebetür aus Holz rollt beinahe lautlos zur Seite. Der erste sanfte Brandgeruch ist in dem Vorzimmer bereits wahrzunehmen. Hier hängen gelbe Sicherheitshelme neben Jacken an der Garderobenwand. Am Boden stehen russige Schuhe. Hat sich die Tür hinter den Besuchern geschlossen, öffnet sich die zweite. Ebenso sanft und langsam gibt sie den ersten Blick in die Werkshalle frei: Eine sechs Meter hohe und vier Meter breite Wand.
In einem Betonrahmen biegen sich die Metallteile einer Brandschutztür. „Wir prüfen im Durchschnitt an jedem Arbeitstag eine große Konstruktion“, sagt Josef Kraml, Leiter der Baustoff- und Bauteilprüfung am Linzer IBS, dem Institut für Brandschutztechnik und Sicherheitsforschung.
Zargen und Ziegel
Am IBS arbeiten ungefähr 60 Mitarbeiter. Sie sind teils an den Brandorten als Sachverständige tätig oder in den Werkshallen, wo die Prüfungen durchgeführt werden. Aus ganz Österreich kommen nach Linz Baustoffe und Bauteile, um zu erweisen, wie lange sie dem Feuer standhalten. Darunter sind nicht nur Türen aus Metall oder Glas, sondern auch Zargen und Türklinken. Ziegelwände, Holzfassaden und Bretter für Holzböden mit unterschiedlichen Hölzern und Anstrichen bringen die Hersteller ans IBS um sich die Feuertauglichkeit bescheinigen zu lassen.
In den letzten Monaten landeten immer mehr Prüfstücke vor den Öfen der IBS, für IBS Leiter Artur Eisenbeiss jedoch noch immer zu wenige. Denn ab Mai 2010 gelten hierzulande die europäischen Normen mit einem neuen System: Um am österreichischen Markt ein Produkt in den Verkehr zu bringen bedarf es der Konformität mit europäischen Normen. Mit einer Einschränkung: jedes Bundesland hat seine eigenen bautechnischen Vorschriften. Doch das ist eine andere Sache. Die Tatsache, dass die Konformität ab nächstem Jahr Pflicht ist, haben manche österreichische Betriebe und Hersteller noch nicht realisiert.
Horizontal und vertikal
In der Halle wird der Brandversuch von heute abgebaut. Ein Arbeiter schraubt auf einer Leiter die Teile der Brandschutztür los. Wenige Meter daneben wartet bereits eine Ziegelkonstruktion auf den Test. Die vertikale Prüfung ist die größte in der Halle. Mit Brenneinheiten startet ein kontrolliertes Feuer nach der genormten Temperaturkurve, die plankgeputzt an der russigen Wand hängt.
Das IBS wurde 1991 als staatlich autorisierte Prüfanstalt von der Brandverhütungsstelle für Oberösterreich – BVS - ausgegliedert. Fünf Jahre später wurde die Prüfstelle vom Wirtschaftsministerium akkreditiert. Die ursprünglich auf Oberösterreich konzentrierten Kompetenzen werden in den letzten Jahren, parallel zur Europäisierung der Normen, ausgeweitet. Im Jahr 2004 entstand die erste Zweigstelle in Innsbruck, zwei Jahre später drei weitere in Salzburg, Dornbirn und Völkermarkt. Durch den Auftrag den Brandschutz beim desaströsen Skylink-Projekt in Schwechat zu planen und zu überwachen, installierte die IBS letztes Jahr in Schwechat ihre bisher letzte Außenstelle.
Die großen Prüfungen wurden und werden weiterhin in Linz in der Petzoldstraße durchgeführt. „Besonders Architekten haben Interesse dass Hersteller neue Fassaden, Glasscheiben oder Bauteile prüfen lassen“, erzählt Leiter Kraml. Eine Doppelglastür hat die Prüfung überstanden. Die Innenscheibe sieht gar nicht mehr wie herkömmliches Glas aus. Sie ist undruchsichtig, russig schwarz und die Feuerseite wie Schaum aufgequollen. Aber sie weist keinen Riss auf. Ganz im Gegensatz zur Außenscheibe der Doppeltür. Hier liegen Scherben am Boden, die jedoch erst beim Abkühlen enstanden sind, wie Kraml erklärt. Derzeit nicht in Gebrauch ist der horizontale Prüfstand. Hier werden Tunnelbauteile unter Druck getestet, um den Druck im Berginneren zu simulieren.
Videos am Prüfstand
Vorbei am kleinen Ein-Meter-Zwanzig-Ofen geht es in die zweite Prüfhalle, wo viel kleinere Einheiten den riesigen Raum trennen. Gleich links ist die sechs Meter hohe Fassadenprüfwand. Gleich rechts vom Tor befindet sich die Kamintestung. Beides Mauern, die bereitstehen um Fassadenteile oder Kaminrohre zu prüfen. „Meldeanlagen, Belüftungssysteme aber auch Videoüberwachung wird von uns getestet“, sagt Karl Wagner, am IBS für den Bereich Anlagen zuständig und als Sachverständiger meist im Auto unterwegs. Am Welser Tunnel hat er gerade ein Forschungsprojekt laufen, das die Videodetektion erforscht. „Aus diesem Detektionsprojekt werden späterhin Normungsansätze erarbeitet“, erklärt Wagner, der damit eine wichtige Funktion des IBS anspricht. Das IBS exerziert nicht nur die Prüfungen für normgerechte Bauteile sondern erarbeitet Grundlagen für neue Normung. Jüngst erarbeitete die Holzforschung Austria mithilfe des IBS einen Bauteilkatalog. Kramer, Wagner und Eisenbeiß nehmen an internationalen Normungsgremien teil und vertreten dabei die österreichischen Interessen.
Die Geschichte des IBS hat Ende des 18. Jahrhunderts begonnen. Damals vernichteten verheerende Brände manchmal ganze Stadtteile. Feuerversicherungsunternehmen wurden bis zur Existenzgefährdung beansprucht. In den Jahren 1925 bis 1928 waren 40 Prozent der Schäden auf verbrecherische Anschläge zurückzuführen. Weitere 20 Prozent auf Fahrlässigkeit. Zwar war die Arbeitsbeschaffung durch Brände eine Art produktive Arbeitslosenfürsorge. Die hohe Zahl jedoch richtete volkswirtschaftlichen Schaden an. 1929 beschlossen Versicherungen und Länder in allen Bundesländern Brandverhütung zu installieren. Außer Wien und Burgenland erhielten alle österreichischen Bundesländer 1930 eine Kommission. Hierin ist die Wiege des heutigen IBS und dessen Mutter zu sehen, das im Umfeld der Behörden entstanden ist und auch heute noch agiert.
Kampf dem Sauerstoff
Im hinteren Bereich der zweiten Halle wird es immer technischer und somit auch von der Dimension her kleiner. Hinter der noch massiven Kaltrauchanlage steht ein beinahe unscheinbares Gerät. Nicht viel anders als ein extra-großer Computerrechner ist hier eine Sauerstoffreduktionsanlage. Sie vermindert über Schläuche den Sauerstoffgehalt, sodass zwar ein Glühen aber kein Brand entstehen kann. Im eigenen Raum dafür werden Materialien daraufhin geprüft, wie niedrig der Sauerstoffgehalt sein muss. Denn jedes Material hat dabei seine eigene Konzentration. Smallflame-Tests oder Bombenkaloriemeter-Messungen werden im ersten Stock durchgeführt. Das Insitut hat alle europäisch standardisierten Testeinrichtungen in Linz an einem Ort.
Der Trend geht in der Brandschutzvorschung in eine weitere, naheliegende Richtung „Die Silmulationsrechnungen werden immer wichtiger“, sagt Arthur Eisenbeiss. Die Simulation von Rauch und Wärmeabzug ist heute schon möglich und wird in fünf bis sieben Jahren vielleicht Standard sein. Diese geruchslose Testform ist heute mit Rechenzeiten bis zu einer Woche behaftet. Mit reicheren Erfahrungen und entsprechende Designertools steht dieser Innovation nichts im Wege. Das heißt aber lange nicht, dass die Schleuse der IBS ihren Geruch und ihre Verwendung verlieren wird. Denn um Brandversuche mit offenem Feuer kamen und kommen Baustoffe und Bauteile nicht herum.












